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Buchtipp




Medien des Monats Februar 2012

ausgewählt von Maria Fellinger

Verlass die Stadt
von Maria Landerl
Frankfurt a. M., Verlag Schöffling & Co. 2011; 133 Seiten
  Jachymov
von Josef Haslinger
S. Fischer Verlag 2011; Frankfurt a. M.; 270 Seiten
     
"Jetzt soll Wien zusehen, wie es ohne mich zurechtkommt. Ich sehe Wien zu, wie es ohne mich zurecht kommt, und ich muss sagen, Wien kommt sehr gut ohne mich zurecht." - Margot, die Ich-Erzählerin des schmalen Buches der im oberösterreichischen Sierning aufgewachsenen Autorin (Jahrgang 1979) ist verschwunden und beobachtet die Stadt, in der sie nicht mehr ist, von außen - abwesend und anwesend zugleich. Ihre Freunde - Peter, eigentlich Petar, weil ursprünglich Kroate, Gudrun, Max und Laura - verbringen den heißen Sommer damit, die scheinbar spurlos Verschwundene zu suchen. Mit wachsender Besorgnis, denn sie wissen um ihre Probleme.
Die Suche verläuft kreuz und quer durch die Stadt und führt an Orte, die mit Margot in Verbindung stehen, Orte, an denen sie häufig war oder sein könnte. So lernt die Leserin, der Leser die Stadt kennen und zwar abseits der Touristenrouten. Die Innere Stadt und alle anderen "Sehenswürdigkeiten" bleiben ausgespart, dafür lernt man den Siebensternplatz kennen, den Gürtel, die Donauinsel, das AKH und vieles mehr, was Wien ausmacht. So entsteht ein Geflecht aus Erinnerungen, Beziehungen, Stimmungen, Geräuschen und Gerüchen, das die LeserInnen mitnimmt auf eine sommerliche Tour durch Wien und die Befindlichkeit der jungen Leute, die stellvertretend für die Generation der 20- bis 30-jährigen stehen.
  Der Wiener Kleinverleger Anselm Findeisen und Blanka Modrý, im Buch die Tänzerin genannt, begegnen einander zufällig in einem alten Kurhotel im tschechischen Jáchymov, dem ehemaligen St. Joachimsthal. Er, an Morbus Bechterew erkrankt sucht in dem alten Radonbad Linderung seiner Schmerzen. Sie hat sich auf die Spurensuche nach ihrem Vater begeben. Bohumil Modrý , Tormann der erfolgreichen tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft der 1940er Jahre, wurde während der kommunistischen Diktatur verhaftet und in das Arbeitslager von Jáchymov, einem Uranbergwerk in einem Tal des Erzgebirges deportiert. Nach fünf Jahren wird er als Todkranker entlassen. Seiner Familie bleibt nichts, als ihm beim langsamen Sterben zuzusehen. Seine Rehabilitierung erlebt er nicht mehr. Die Tochter wird zur Chronistin einer ungewissen Erinnerung, der sie nicht mehr entkommen kann.
Josef Haslinger erzählt in diesem Buch auf die ihm eigene nüchtern distanzierte, klare und faktenreiche Art und Weise eine Familiengeschichte und ihre Verstrickungen in die Tragödien des 20. Jahrhunderts. Ein beeindruckendes Buch.
 
Die Voest-Kinder
von Elisabeth Reichart
Otto Müller Verlag; Salzburg - Wien; 301 Seiten
  Großes Finale für Novak
von Peter Henisch
Residenz Verlag; St. Pölten - Salzburg 2011, 304 Seiten
     
Elisabeth Reiharts neuer Roman spielt in einer oberösterreichischen Kleinstadt in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Protagonistin - im Roman das Kind oder das Mädchen genannt - verbringt die ersten Lebensjahre mit ihren Eltern und Großeltern in einer Kleinstadt an der Donau. Dort baut sie sich ihre magische Welt auf, in der sie alle die Fragen stellen darf, die die Erwachsenen nicht hören und schon gar nicht beantworten wollen. Das Kind ahnt, dass Fragen über die jüngere Vergangenheit ein Tabu sind. Der Krieg und die Zeit des Nationalsozialismus ist noch nicht lange vorbei. Kirche, Religion und eine fromme Großmutter spielen eine wichtige Rolle. Als die Protagonistin etwa fünf Jahre alt ist, wird sie jäh aus ihrer Traumwelt gerissen. Die Familie übersiedelt in die neu errichtete VOEST-Siedlung, damals Wohntraum und Inbegriff des Fortschritts, dem allerdings ganz viele Opfer gebracht werden mussten. Vom Verzicht auf Spielzeug bis zum Familienleben. Der Vater, ein höherer Angestellter der VOEST wird als Bauleiter in den Sudan geschickt und kommt nur mehr alle zwei Jahre zu Besuch. Elisabeth Reichart lässt die Atmosphäre der Nachkriegszeit im oberösterreichischen Arbeitermilieu aufleben. Auf eine berührende Weise wird der Zeitgeist lebendig, der sich ausdrückt in starren Geschlechterrollen, patriarchalen Familienverhältnissen und vor allem im alles bestimmenden Ziel eines materiell besseren Lebens. Das Glück - das wird beim Lesen geradezu greifbar - ist etwas, auf das immerzu hin gearbeitet werden muss.   Bis er 55 ist, hört Novak Opern Musik höchstens aus Versehen. Doch dann muss der Jungpensionist ins Krankenhaus und eine indonesische Krankenschwester steckt ihn mit ihrer Begeisterung für Opern an. Franz Novak wird ein anderer und wieder zurück in seinem umgebauten Schrebergartenhaus bringt das die Novaksche Ehe in heftige Turbulenzen. Denn was den Franz so verändert hat, hält Ehefrau Herta schlichtweg für "abartig". Und so entwickeln sich die Dinge allmählich zu einem Krimi.
Dass Peter Henisch viel von Musik versteht, weiß man aus anderen seiner Bücher. Die Beschäftigung mit der Oper ist neu. Und sie ist hoch vergnüglich. Wer noch kein Opernfan ist, könnte durch die Lektüre dieses Buches auf den Geschmack kommen. Nicht weniger gut gelungen ist aber auch die psychologisch treffende Schilderung einer langjährigen Ehe. Und auch, wenn es diesmal die Ehefrau ist, der nicht gerade die sympathische Rolle zukommt, so ist doch - wie meistens bei Henisch - die Zuneigung des Autors zu seinen Figuren spürbar.

 

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zuletzt aktualisiert: 23.2.2012  |  URL dieser Frameseite: http://www.goldwoerth.bvoe.at