ich leih dir was - Logo der ÖB Goldwörth

Buchtipp




Medien des Monats April 2015

ausgewählt von Maria Fellinger

Buchtipp:
Das Fell der Tante Meri

von Theodora Bauer
Picus Verlag; 2014; 200 Seiten; ISBN: 978-3-7117-2011-5
  Buchtipp:
Herzmilch

von Gertraud Klemm
Literaturverlag Droschl; 2014; 237 Seiten; ISBN 978-3-85420-848-8
  Buchtipp:
Komplizen des Glücks

von O. P. Zier

Residenz Verlag; 2015; 353 Seiten; ISBN: 978-3-7017-1642-5
         
"Die Tante Meri ist im Grunde genommen eine liebe Person gewesen. Der Ferdl hat sich das immer wieder gesagt." Mit zwei der vier wichtigsten Personen in dem Debütroman der jungen Autorin wird man bereits in den ersten beiden Sätzen bekannt gemacht. Und auch mit dem Erzählton der Geschichte, dem in der österreichischen Umgangssprache gebräuchlichen Perfekt. Anni, Ferdls Mutter und Karl Müller, sowie Karl Müller, "der nicht Karl Müller ist", sind die weiteren Hauptpersonen in der Geschichte. Alle haben miteinander zu tun, doch wie, das klärt sich für Ferdl wie auch für die Leserin/den Leser erst sukzessive. Der Roman spielt auf drei Zeitebenen und Schauplätzen: im Wien der Nazizeit, in Chile, wo Karl, "der nicht Karl ist", nach dem 2. Weltkrieg nach Gesinnungsgenossen sucht und in einem österreichischen Dorf in den 80er Jahren, wo Ferdl, Anni und die rätselhafte Tante Meri, verbunden durch widersprüchliche Gefühle und undurchschaubare Verpflichtungen, leben. Als Tante Meri ein paar Jahre nach Anni stirbt und Ferdl ein beträchtliches Vermögen hinterläßt, als Ferdl sich um das Begräbnis kümmern muss und im Dorf eine faszinierende Chilenin auftaucht, kommt Ferdl nicht mehr um die Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte herum.
Theodora Bauer, die in Wien Publizistik und Philosophie studiert und im Burgenland lebt, entwickelt die Geschichte bis zu ihren tragischen Höhepunkten in einer präzisen und sprachlich sparsamen Erzählweise. Bemerkenswert, wie genau die 1990 geborene Autorin das jeweilige Zeitkolorit der für sie historischen Epochen trifft. Die Geschichte ist originell, geradezu raffiniert konstruiert und die Leichtigkeit der Sprache, die Theodora Bauer für die jeweiligen Charaktere findet, steht nur in scheinbarem Widerspruch zum Ernst des Themas. Ein durch und durch gelungener Erstlingsroman.
  Auf der Suche nach dem Selbstverständnis ihres Frau-Seins rollt die namenlose Icherzählerin in Gertrud Klemms Debütroman Herzblut die eigene Biographie auf.
Als Kind der 70er Jahre wächst sie in einem großen Familienverband auf. Kindsein heißt vor allem, die Welt erkunden, was sie mit ihrem ausgeprägten Interesse für Biologie auch tut. Doch ihr analytischer Blick zeigt ihr sehr früh, dass da noch etwas Spezifisches ist, was nur sie betrifft, nicht die Buben. Dass im täglichen Leben die Frauen kochen, im Fernsehen aber nur Männer, dass Frauen Diät halten müssen und Emanzen hässlich sind, dass Sich-Schämen ihr größtes Talent ist und dass Mädchen vor allem brav sein sollen und keine Ansprüche stellen.
In 40 Kapiteln durchleutet die Erzählerin die wichtigsten Lebensabschnitte. Auf die Kindheit folgt die Pubertät, deren Ergebnis "ein trauriges Mädchen mit coupierten Wünschen" - wenn schon nicht mit gänzlich unterdrückten, zumindest mit zusammengestutzten - ist. Kann Frau-Sein immer noch ein erstrebenswertes Ziel sein? Die nächsten Kapitel handeln von Studium und der Zeit, als "der Alltag die Männer in ihr Leben spült", vom Berufsleben als Frau und zuletzt um Schwangerschaft und dem Leben als alleinerziehende Mutter. Hart und kraftvoll, zuweilen ironisch benennt die Erzählerin die spezifischen Erfahrungen und die gesellschaftlichen Bedingungen, welche ihr das Leben schwer machen, nur weil sie eine Frau ist.
So weit, so bekannt. Was Gertrud Klemms Roman lesenswert macht, ist die in ihrer Klarheit und Direktheit geradezu humorvolle Sprache, sind die kraftvollen Bilder, die sich einprägen, ist die kluge Analyse, die den Nagel immer auf den Kopf trifft.
  In einer nicht näher genannten Stadt mitten im Salzburger Land steht das alte Bauernhaus der Familie Wirring wie ein Gestalt gewordener Anachronismus zwischen in den 60er Jahren schnell in die Höhe gezogenen Wohnblöcken. Unangepasst und ziemlich anders sind auch die Bewohner des alten Hauses, die das Personal in O. P. Ziers neuem Roman abgeben. Unkonventionelle Freigeister allesamt: Peter Wirring, vulgo Pete Wire, ein Rockmusiker, der fast sein ganzes Leben durch die Welt tourt und auf Besuch zuhause die Umgebung nicht nur mit seinem Aussehen schockiert. Claudia Wirring, die Erbin des Hauses ist Journalistin und kompromisslose Umweltaktivistin, ihr Ehemann Werner, ein hypochondrisch veranlagter privater Lebensforscher, der vom Erlös aus dem Verkauf einer gut gehenden Werbefirma lebt, sowie deren Sohn Rolf und ein plötzlich vor der Tür stehender Unbekannter, der sich als Familienmitglied ausgibt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive Rolfs, der als Icherzähler im Alter von 25 und mit seiner literaturwissenschaftlichen Dissertation beschäftigt, sein Aufwachsen in dieser Familie und deren Lebenswelt in der Salzburger Provinz schildert. Da geht es um den Großvater als bedingungsloses Vorbild, um umgekehrte Elternrollen, um das unermüdlich praktizierte Hobby des Radiomachens, aber auch um den Protest gegen den Nonkonfomismus der Eltern durch den Versuch der Überangepasstheit. Um das Leben auf dem Land mit seinen Verwerfungen und Borniertheiten auf allen Ebenen.
Allein wegen der Idee, den traditionellen Familienroman durch die Erfindung dieser unkonventionellen Familie auf den Kopf zu stellen, macht den Roman zu einem besonderen Stück Literatur. Doch viel mehr noch ist es O. P. Ziers Stil, der Lesevergnügen garantiert. Zier ist ein Meister der ironischen Töne und der treffsicheren, pointierten, detailreichen und genauen Sprache, der seinen Lesern auch lange Sätze zumutet. Und dann ist er ein Autor, dem es nicht nur um die Befindlichkeiten seiner Figuren geht, sondern der auch deren Lebensumstände gekonnt einfließen lässt. Einer der selten gewordenen politischen Autoren.

 

... und noch mehr Buchtipps

Zurück zur vorherigen Seite



Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Email |  Archiv  |  Nach oben
zuletzt aktualisiert: 8.4.2015  |  URL dieser Frameseite: http://www.goldwoerth.bvoe.at