ich leih dir was - Logo der ÖB Goldwörth

Buchtipp




Buchtipp November 2003

von Maria Fellinger-Hauer

Erich Hackl: Abschied von Sidonie; Erzählung

"Am achtzehnten August 1933 entdeckte der Pförtner des Krankenhauses von Steyr ein schlafendes Kind. Neben dem Säugling, der in Lumpen gewickelt war, lag ein Stück Papier, auf dem mit ungelenker Schrift geschrieben stand. 'Ich heiße Sidonie Adlersburg und bin geboren auf der Strasse nach Altheim. Bitte um Eltern.' "
So beginnt Erich Hackls Erzählung "Abschied von Sidonie". Es ist die wahre Geschichte eines Zigeunermädchens, das als Findelkind von Pflegeeltern in der Nähe von Steyr liebevoll aufgenommen wird und zehn Jahre später schließlich im Konzentrationslager stirbt. In der Arbeiterfamilie von Hans und Josefa Breirather findet Sidonie Pflegeltern. Bei ihnen erlebt sie eine Kindheit, die trotz der Umstände unbeschwert genannt werden kann.
Doch "aus dem roten Letten (der Ortsteil in dem die Familie Beirather wohnt) wurde das braune Letten", wie es im Text heißt und wie man präziser den Gesinnungswandel durch den hereinbrechenden Nationalsozialismus kaum beschreiben kann.
Die rassistischen Anfeindungen wegen Sidonies dunkler Hautfarbe und ihrer Herkunft nehmen zu. Im März 1943 tritt die Katastrophe in Form einer bürokratische Verfügung ein: Engstirnigkeit und vorauseilender Gehorsam der Behörden entreißen den Pflegeeltern das Mädchen, um es scheinbar ordnungsgemäß der leiblichen Mutter zu überstellen, es in Wahrheit aber mit ihr zusammen in den Tod nach Auschwitz-Birkenau zu schicken.
Wie es dazu kommen kann und welche Kräfte und Personen, welche Zufälle scheinbaren Eigengesetzlichkeiten da am Werk sind, beschreibt der Autor, selbst 1954 in Steyr geboren in dieser 1989 erschienen Erzählung in einem Stil, der inzwischen durch seinen späteren Bücher wie etwa "Auroras Anlass", "Sara und Simon" oder die "Hochzeit von Auschwitz" als der unverwechselbare Stil Erich Hackls gilt.
Es ist ein Stil, der auf den ersten Blick wie ein nacktes Protokoll daherkommt und trotzdem unmittelbar unter die Haut geht. Diese Mischung von kühlem Chronikstil und heftigster Emotion hat Hackl bereits in diesem - einem seiner ersten Bücher - bis zur Meisterschaft entwickelt. Seine Themen sind immer tatsächliche Ereignisse. Und sie stellen immer Menschen in den Mittelpunkt, die unter die Räder der (Welt-)Geschichte gekommen sind. Denn für ihn "ist die Wirklichkeit oft radikaler, überraschender, unverhoffter, als das, was ich mir ausmalen kann", wie er selbst sagt.
Und noch etwas ist ein Charakteristikum Hackls: er gibt den Opfern ein Gesicht und macht so ihre Schicksal für den Leser/die Leserin nachvollziehbar und er stellt sich bedingungslos auf ihre Seite.
Zum Schluss der Geschichte von Sidonie verlässt Hackl die Rolle des Chronisten bewusst. Er verweist auf die Möglichkeit der Solidarität unter den Menschen und berichtet von einem anderen Zigeunerkind in der Steiermark, dass dank mutiger Nachbarn vor dem Zugriff der Nazi-Schergen geschützt werden konnte..."und kein Buch muss an ihr Schicksal erinnern", schließt Hackl das letzte Kapitel, "kein Buch muss an ihr Schicksal erinnern, weil zur rechten Zeit Menschen ihrer gedachten."
Als ich das Buch vor 14 Jahren zum ersten Mal gelesen habe, hat mich diese Passage gestört. Ich habe sie als übertrieben empfunden und als bevormundend. Das wäre das mindeste, dachte ich, was ein Leser, eine Leserin selbst begreifen müsste.
Inzwischen kann ich verstehen, dass ein Autor, der seinen Lesern eine Veränderung zumutet, manchmal nicht anders kann, als dies auch deutlich zu sagen.
Es gibt ohnehin nicht mehr viele Moralisten. Erich Hackl ist noch einer.


... und noch mehr Buchtipps

Zurück zur vorherigen Seite



Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Email  |  Archiv  |  Nach oben
zuletzt aktualisiert: 30.12.2011  |  URL dieser Frameseite: http://www.goldwoerth.bvoe.at