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Buchtipp




Medien des Monats November 2013

ausgewählt von Maria Fellinger

Buchtipp:
F

von Daniel Kehlmann
Rowohlt Verlag; 2013; 379 Seiten
  Buchtipp:
Das Erste, was ich sah

von Karl-Markus Gauß
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2013; 108 Seiten
  Filmtipp:
About Schmidt

Darsteller: Jack Nicholson, Kathy Bates, Hope Davis
Regisseur: Alexander Payne
         
Daniel Kehlmann, mit seinem historischen Roman "Die Vermessung der Welt" zu einem der berühmtesten Autoren deutscher Sprache aufgestiegen, hat einen Familienroman geschrieben, der den so schlichten wie vielfältig deutbaren Titel "F" trägt.
Arthur Friedland, der Vater, der eines Tages verschwindet, erst nach Jahren wieder auftaucht und seine drei Söhne sind die Protagonisten. Die Mütter spielen nur Nebenrollen. Martin ist katholischer Priester, übergewichtig, fresssüchtig und gottlos. Eric, einen medikamentenabhängigen, ehemals erfolgreichen Anlageberater wirft die Finanzkrise aus der Bahn. Er schlittert am Kriminal vorbei und mutiert zum frommen Christen. Erics Zwillingsbruder Iwan ist ein mittelmäßig talentierter Künstler, der es mit Kunstfälschungen zu Ansehen in der Szene bringt. Blender und Hochstapler alle drei.
Der Hauptteil des Romans spielt an einem heißen Augusttag, dem 8.8.2008, dem Vorabend des Börsenchrash. An diesem Tag passiert etwas ganz und gar Zufälliges, das mit allen drei Brüdern zu tun hat und schicksalhaft für sie alle wird. "Fatum", sagte Arthur. "Das große F. Aber der Zufall ist mächtig und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal. So etwas passiert schnell."
Kehlmann lässt die Brüder jeweils aus ihrer Perspektive erzählen und führt die Erzählstränge erst nach 300 Seiten zusammen. Aufmerksame Leser ahnen schon früher, wie sich die Geschichte entwickelt.
F ist ein vielschichtig konstruiertes Buch, das die großen Rätsel des Lebens, nämlich wie es sich verhält mit Wahrheit und Lüge, Wirklichkeit und Täuschung, Schein und Sein, Schicksal und Verantwortung, klug und unterhaltsam abhandelt. Dass Kehlmann diese Fragen im Umfeld der aktuellen Krisen von Kapitalismus, Religion und Kunst spielen lässt, hat einen speziellen Reiz.
  "Ich war der einzige gebürtige Österreicher der Familie. Die Eltern und Geschwister hatten jahrelang als Staatenlose in einer Barackensiedlung für Heimatvertriebene am Stadtrand gelebt. Die Staatsbürgerschaft erhielten sie erst kurz bevor ich zu ihnen stieß ...".
Gauß, bekannt durch wunderbar einfühlsame und gescheite Essays über wenig beachtete Volksgruppen und sogenannte Minderheiten vor allem Osteuropas, ist Sohn von Donauschwaben aus der Vojvodina, dem heute serbischen Flachland zwischen Donau und Theiß. Das mag ein Hinweis auf seine bisherigen thematischen Vorlieben sein.
In seinem neuen Buch lässt Karl Markus Gauss seine eigene Kindheit im Salzburg der 50er Jahre aufleben. Er macht das nicht chronologisch, sondern in thematischen Miniaturen von jeweils nur wenigen Seiten. Und es sind nicht große Ereignisse, sondern das Kind prägende Erfahrungen, von denen er erzählt. Das erste Radio, aus dem eine unbekannte Stimme die Suchmeldungen vermisster Soldaten verliest, die Sprachen der Eltern, die sie je nach Gemütsverfassung einsetzen, die vielen Kriegsinvaliden, die das Straßenbild der Nachkriegszeit prägen, die teils verfeindeten, durchwegs originellen Nachbarn in der Wohnsiedlung, die Ekel erregende Haut auf der warmen Milch, der erste Schnee, katholische Rituale und die erste Verliebtheit und noch vieles mehr. Es ist die Kunst des Autors, in den kleinen Episoden das große Ganze sichtbar und lebendig zu machen. Ein vielfältiges, farbenfrohes Bild der Nachkriegszeit, in dem sich eine ganze Generation wiederfinden kann.
  Warren Schmidt, 66, ist an einem Wendepunkt angekommen. Seine Pensionierung macht ihm zu schaffen. Seine einzige Tochter Jeannie will einen Dummkopf heiraten. Und dann stirbt nach 42 Ehejahren auch noch seine Frau. Er bricht mit seinem riesigen Wohnmobil zu einer großen Tour auf, will sich mit seiner Tochter versöhnen. Doch auch das funktioniert nicht so wie er es sich vorstellt.
Die Reise wird schließlich zur Reflexion seines eigenen Leben, des Alterns, des Alleinseins, aller Versäumnisse ... Dass er sich erstmals durch Briefe jemandem anvertraut, macht den schrulligen Alten beinahe liebenswürdig. Dass der Empfänger seiner Briefe ausgerechnet Ndugu Umbo ist, ein sechsjähriges Waisenkind in Tansania, dessen Patenschaft er für 22 Dollar im Monat übernommen hat, hat eine spezielle Komik.
Jack Nicholson verkörpert den nicht gerade sympathischen, schwer enttäuschten, grantigen Schmidt äußerst eindrucksvoll.
About Schmidt, nach einem Roman des amerikanischen Autors Lous Begley ist ein leiser, unspektakulärer Film, der die Innenseite eines ungelebten Lebens ausleuchtet.

 

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zuletzt aktualisiert: 5.11.2013  |  URL dieser Frameseite: http://www.goldwoerth.bvoe.at