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Buchtipp




Der Buchtipp im Dezember 2009

von Maria Fellinger

Peter Henisch : Der verirrte Messias

Verlag Deuticke; Wien 2009

Zugegeben, ich hatte eine mittelschwere Abneigung, dieses Buch zu lesen. Ein österreichischer Autor und ein biblisches Thema: darf man da sattsam bekannte Klischees und Vorurteile gegenüber dem Christentum im Allgemeinen und der Kirche im Besonderen erwarten?
Aber dann ging es mir wie Barbara im Buch mit Mischa Myschkin, dem Protagonisten, der am Flughafen in Frankfurt ihre Bekanntschaft sucht und dem sie vorerst nicht mit allergrößter Freundlichkeit begegnet: das Buch hat mich in seinen Bann gezogen und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen.
Die Geschichte beginnt im Flugzeug nach Tel Aviv. Der Mann vom Flughafen mit dem "Schafsprofil", ist der überaus gesprächige Sitznachbar der Literaturwissenschaftlerin, die sich nur nach Urlaub sehnt. Er ist ein Flüchtling aus einem ehemaligen kommunistischen Land. Er heißt - wahrscheinlich nicht zufällig - wie der Titelheld in Dostojewskis Roman "Der Idiot" und glaubt, er könnte Jesus sein. Zufällig war ihm eine vier sprachige Bibelausgabe in die Hände gefallen und damit hat er nicht nur Sprachen gelernt, sondern inhaltlich kam ihm vieles so bekannt vor, als hätte er es schon erlebt. Er ist auf dem Weg nach Israel, um eine nicht genauer bestimmte Mission zu erfüllen. Er nervt Barbara mit seinem Gerede, trotzdem kann sie sich seiner Aura nicht entziehen. Nach einer außerplanmäßigen Zwischenlandung in Rom flieht sie vor ihm. Doch er wird ihr von seiner Reise durch Israel weiterhin Briefe und e-mails schreiben und sie wird ihn nicht mehr los.

Das zentrale Thema des Romans ist die Erlösung in der Welt, in der vieles "himmelschreiend unerlöst" ist. Für die beiden Hauptpersonen geht es um nicht weniger als um die existenzielle Suche nach sich selbst. Das Buch spielt auf drei Ebenen: die Reise durch das heutige Israel, die Auseinandersetzung mit den biblischen Erzählungen und die sich entwickelnde Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptpersonen. Alle drei Stränge sind meisterhaft miteinander verwoben und spannend zu lesen.
Henisch erweist sich als profunder Kenner biblischer Texte. Sein Zugang ist ein literarischer, nicht durch religiöse Traditionen verdorbener und somit geradezu herzerfrischend unverbraucht. Sehr differenziert und kenntnisreich beschreibt der Autor auch die politisch brisante Situation zwischen Israel und Palästina. Hervorragend gelungen ist die Beschreibung der israelischen Landschaft wie auch der religiösen Pilgerstätten. Und das ganze Buch ist gespickt mit witzigen, ironischen Einfällen und ebensolchen Charakterschilderungen.
Ein Lesegenuss und eine gelungene Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema.

 

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zuletzt aktualisiert: 30.12.2011  |  URL dieser Frameseite: http://www.goldwoerth.bvoe.at