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Buchtipp




Medien des Monats Dezember

ausgewählt von Maria Fellinger

Die große Freiheit des Ferenc Puskás
von Evelyn Schlag
Zsolnay Verlag; Juli 2011; 238 Seiten
  Stillbach oder die Sehnsucht
von Sabine Gruber
C. H. Beck Verlag; München 2011, 380 Seiten
  Geld
von Peter Rosei
Residenz Verlag; Salzburg 2011; 167 Seiten
         
Es ist das Jahr 2008. An einer Tankstelle im Süden von Wien treffen zwei Männer aufeinander - der Anwalt Valentin Görz und und der offensichtlich verwirrte etwa 60jährigeLászló Földesch. Die beiden kennen einander nicht und doch sind ihre Biographien miteinander verbunden.
Wie, das rollt Evelyn Schlag in ihrem neuen Roman nach und nach auf und kommt dabei zurück auf das Jahr 1956, das Jahr in dem in Ungarn das Volk gegen das Regime aufstand und niedergeschlagen wurde. László Foldesch kam damals als Kleinkind mit seinen Eltern als Flüchtling nach Österreich. Die Familie findet Arbeit und Unterkunft in einer landwirtschaftlichen Schule. Doch das Einleben ist schwierig. István, der Vater tut sich im Gegensatz zu seiner Frau Etelka schwer mit der Sprache. Er wird so etwas wie ein Hausmeister, sie avanciert zur Chefsekretärin. Die Beziehung der Eltern wird brüchig. Evelyn Schlag erzählt die Geschichte, indem sie Kapitel für Kapitel die Zeitebene wechselt. Auf der einen Ebene schildert sie, was in den Jahren 1956 bis 58 indem fiktiven Ort Wickendorf geschah. Aus der Ebene der Gegenwart begegnet Laszló Menschen, mit denen die Familie vor 50 Jahren zu tun hatte. Und erst am Ende des Buches, sind die Zusammenhänge deutlich.
Der titelgebende Fußballheld Ferenc Puskás kommt nur ein Mal, dafür aber in einer Schlüsselszene vor. Von Fußball handelt das Buch nicht. Es ist vielmehr eine Geschichte von den nachhaltigen Folgen einer Entwurzelung, wobei der Verlust der eigenen Sprache eine wesentliche Rolle spielt.
  Drei Frauen und zwei wichtige Epochen der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts stehen im Mittelpunkt des neuen Romans der in Südtirol geborenen und in Wien lebenden Sabine Gruber.
Einerseits der März 1944 mit dem Anschlag des italienischen Widerstands auf das Regiment "Bozen" der deutschen Besatzungsmacht, die hauptsächlich aus Südtirolern bestand und dessen grausame Vergeltung mit dem Massaker in den Ardeatinischen Höhlen. Andererseits das Jahr 1978, die Zeit der Roten Brigaden in Italien. Schlüsselereignisse für das Verhältnis zwischen Italien und der nordlichsten Provinz.
Den Rahmen der Handlung bildet die Gegenwart: Clara Burger, aus dem (fiktiven) Südtiroler Stillbach stammend, fährt nach Rom, um den Haushalt ihrer verstorbenen Freundin Ines aufzulösen. Sie trifft dort auf den österreichischen Historiker Paul, der wie sich herausstellen wird auch früher schon eine Rolle spielte und auf ein Romanmanuskript ihrer Freundin. Dieses ist der Hauptteil des Romans. Diese Geschichte spielt im Sommer des Jahres 1978. Die Stillbacherin Ines kommt als Zimmermädchen in das Hotel der Emma Manente, deren Schicksal eng mit dem Geschehen von 1944 verbunden ist.
Sabine Gruber hat mit Stillbach oder die Sehnsucht einen vielschichtigen Roman geschrieben, der besonders durch die Verknüpfung der persönlichen Geschichten mit den historischen Ereignissen fesselt, der aber weit darüber hinaus viele Aspekte der schwierigen Geschichte Südtirols aufgreift und in einer verständlichen Weise ab handelt.
  Von altväterlichen Unternehmern und neuen Aufsteigern handelt Peter Roseis Roman "Geld". Es ist keine Geschichte über gierige Verbrecher, die über Leichen gehen, sondern eine subtile Beschreibung des gesellschaftlichen Wandels von der Industriegesellschaft zur Finanzgesellschaft am Beispiel von Einzelpersonen. Das sind: Georg Asamer, Besitzer einer Werbeagentur und Unternehmer vom alten Schlag, sein Protegé und Nachfolger Andy Sykora, der Investmentbanker Tom Loschek und Hans Fallenbruck, Erbe eines Schweizer Pharmakonzerns, Walli, Asamers Haushälterin, Elena, Andys Ehefrau und Irma Wonisch. Irma ist eine Tochter aus dem Wiener Großbürgertum, während Andy, Tom und Elena, die neuen Aufsteiger, aus der Vorstadt und dem Arbeitermilieu kommen, von dem sie sich aus Karrieregründen allerdings sehr bald distanzieren.
Die Geschichte ist arm an Handlung, ihre Stärke ist die Charakterstudie. Trotzdem kommt das Ende des Romans etwas abrupt. Nachdem die Wege aller handelnden Personen sich mehr oder weniger zufällig einmal irgendwie gekreuzt haben, bleibt die Frage wie es jetzt mit ihnen weitergeht. Da dürfen die Leser ihre Phantasie spielen lassen. Und eine weitere offene Frage ist, warum die Geschlechterrollen im Buch so ganz und gar abgenutzten Mustern folgen müssen. Die Männer sind aktiv, zuweilen rücksichtslos und auf Karriere aus, die Frauen sind unselbständig, gefallsüchtig, abhängig und sexy oder - wie Walli - eine alte Schreckschraube.

 

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zuletzt aktualisiert: 30.12.2011  |  URL dieser Frameseite: http://www.goldwoerth.bvoe.at