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Buchtipp




Der Buchtipp im Mai 2005

von Maria Fellinger-Hauer

Lebert, Hans: Die Wolfshaut

Roman. Mit einem Nachwort von Jürgen Egyptien.
Europaverlag 1991 - Wien - Zürich : 629 S.

Hans Leberts Roman "Die Wolfshaut" schildert die Geschehnisse in einem österreichischen Dorf in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Schweigen ist angesagt. Vergessen und Verschweigen, dessen, was während der Naziherrschaft passiert ist.
Schweigen heißt auch das Dorf, in das sieben Jahre nach dem Krieg der Matrose Johann Unfreund zurückkommt und zur Unperson wird, weil er sich nicht an die allgemeine Regel halten will. Merkwürdige Todesfälle ereignen sich in den frühen 50er Jahren im Dorf. Johann Unfreund interessiert sich für die Morde an einer Gruppe von Zwangsarbeitern, die gegen Ende des Krieges dort umgebracht worden waren und an die kein Dorfbewohner sich erinnern will. Und er freundet sich nicht an mit den Schweiglern. Das macht ihn verdächtig. Angst macht sich breit. Das friedliche Bild des idyllischen Landlebens wird zunehmend brüchig. Das gemeinsame Verbrechen, von dem alle wissen, über das aber keiner redet, schweißt die Dorfgemeinschaft gegen Fremde zusammen. Die Menschen glauben an einen Wolf, der sein Unwesen um das Dorf herum treibt. Formal ist die Geschichte nach dem Muster des Kriminalromans aufgebaut, ist letztlich aber eine Parabel mit politischer Dimension.
Die Dorfbewohner werden als Ewig-Gestrige dargestellt. Der Wolf verkörpert das Böse schlechthin. Die Dorfbewohner jagen lieber dem Phantom der Bestie nach, anstatt über das Böse in ihrem eigenen Leben nachzudenken. Während die Schuldigen sich der irdischen Gerechtigkeit entziehen, schlägt das überirdische Gericht in Form eines Landregens zu, der 99 Tage dauert und der schließlich das Schweigen im Dorf aufweicht.

Der Titel "Die Wolfshaut" stammt von einer Legende, die Lebert schon als Kind gekannt haben dürfte und die offenbar auf einer wahren Begebenheit basiert: Vor dem Weltkrieg streunte im Gebiet der Koralpe ein Riesenwolf, der großen Schaden am Vieh anrichtete und im Volksmund "der Bauernschreck" genannt wurde.
Die beschriebenen Verbrechen während des Dritten Reichs beruhen auf der tatsächlichen Ermordung von Fremdarbeitern durch SS und Volkssturm auf dem Präbichl in der Steiermark im Frühjahr 1945.
Der Roman wurde lange fast ausschließlich als deutliche Kritik am Nationalsozialismus und der im Nachkriegsösterreich geübten Verdrängungspraxis der Geschehnisse während des Dritten Reichs gelesen. Das war auch ein Grund, dass kein österreichischer Verlag gefunden wurde und dass der Roman nach siebenjähriger Entstehungszeit in einem deutschen Verlag erschien, allerdings kein großer Erfolg wurde. Erst eine Neuauflage in der DDR 1962 brachte stärkere Verkaufzahlen und in der Folge auch Preise für den Autor.
Die heutige Literaturwissenschaft will Leberts Roman nicht mehr auf diesen einen Aspekt festlegen. Interessant sind vor allem die religiösen Elemente in der Wolfshaut. "In der Abwendung von der irdischen Profanität zeige sich Leberts ultimative Pointe: An den hiesigen Verhältnissen zerschellt jeder Ansatz zur Aufklärung", schreibt Klaus Kastberger. "Das Böse läßt sich nicht überwinden, sondern bestenfalls verstehen".
Das Buch wurde 1998 im Grazer Droschl Verlag neu aufgelegt und wird von der Literaturwissenschaft zu den wichtigsten Büchern der österreichischen Literatur der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderst gerechnet.



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zuletzt aktualisiert: 30.12.2011  |  URL dieser Frameseite: http://www.goldwoerth.bvoe.at